Unterwegs mit dem Wind
von Wolgast auf den Högakull

Juni 2024

Mit dem Wind ...  

… bin ich in den frühen Morgenstunden an einem Hochsitz vorbeikommen. Wie fast jeden Morgen. Der steht auf einem Feld, direkt an der wunderschönen Lindenallee, die nach Krummin führt. Einen Jäger habe ich auf diesem hölzernen Waidmannsausguck allerdings noch nie gesehen. Wahrscheinlich beginnt meine Arbeit doch nicht ganz so früh, wie ich persönlich das empfinde, wenn der Wecker morgens um 6 Uhr klingelt. Der Jäger, so meine Vermutung, ist – wenn er denn überhaupt da war – schon längst wieder zu Hause, bis ich schließlich gegen 7 Uhr an seinem Teilzeitarbeitsplatz vorbeiradle.
Heute Morgen allerdings war der Hochsitz tatsächlich besetzt. Ein geflügelter Jäger, ein Greifvogel, spähte von der Brüstung. Nach einem Rehbock hielt der wohl nicht Ausschau. Aber so ein zartes Mäuschen zum Frühstück? Leckerschmecker!
Schichtwechsel, dachte ich nur. Ein Jäger löst den anderen ab. Fast wie im Krankenhaus. Die Nachtschicht übergibt an die Frühschicht. Wobei: Auf Station konzentriert sich das Interesse der Pflegenden wohl eher auf das Überleben als auf das Ableben oder Erlegen ihrer Patientinnen und Patienten.
Schichtwechsel in ganz unterschiedlichen Formen bestimmen viele Bereiche unsers Lebens. Neben den zeitintensiven Übergaben, wie etwa auf der Intensivstation einer Klinik, gibt es auch Wechsel, die deutlich zügiger vonstattengehen. Beispielsweise der Kassenwechsel im Supermarkt. Stellen Sie sich mal eine Kassiererin vor, die – während die Kundenschlange lang und länger wird – dem ablösenden Kollegen ausführlich erzählt, welche Euronen aus den unterschiedlichen europäischen Ländern während ihrer Schicht in der Kasse gelandet sind. Ein veritabler Shitstorm von Seiten der Kassenschlangensteher wäre wahrscheinlich ihr kleinstes Problem. Aber auch in anderen Bereichen kann und muss der Schichtwechsel zügig und ohne längeren Austausch erfolgen.
Manchmal ist eine Begegnung beim Schichtwechsel auch gar nicht zwingend vorgesehen. Im modernen Großraumbüro oder Co-Working-Space wird vorausgesetzt, dass der Schreibtisch vom Vorgänger vollständig beräumt wurde, damit man zügig mit der eigenen Arbeit beginnen kann. Vielleicht noch ein schneller Gruß, ein „Frohes Schaffen!“ und weiter geht’s.
Ja und schließlich gibt es noch die – zum Glück – vollkommen kontaktfreien, ja anonymen Schichtwechsel. Da wären beispielsweise der Sitzplatz in der Bahn, der Tisch im Restaurant oder auch das Hotelzimmer zu nennen. Nur mal angenommen, Sie betreten die gebuchte Ferienwohnung und treffen dort auf ihre Vorgänger. „Das Bett ist etwas zu weich, die Decke außerdem viel zu warm und dadurch schwitzt man ordentlich. Aber dafür kann ich Ihnen die Regenwalddusche empfehlen! Und passen Sie mit dem Schlafzimmerfenster auf. Das hängt nur noch lose in der Angel! Die Wurst im Kühlschrank können sie übrigens noch verwenden, auch wenn das Verfallsdatum schon überschritten ist.“ Hilfreich? Also ich fände das eher gruselig.
Da stelle ich mir doch lieber vor, wie so eine Übergabe auf dem Hochsitz ablaufen könnte. Also zwischen Jäger und Greifvogel. Bestimmt ohne viele Worte. „Waidmannsheil!“ – „Waidmannsdank … krächz!“ oder auch „Gutes Mausen!“ Und fertig.
Während ich dann, etwas später am Tag, die Opferkerzen im Vorraum unserer Kirche auffülle und dabei einen Blick auf Jesus am Kreuz werfe frage ich mich, ob es da eigentlich auch so eine Art Schichtwechsel gibt. Also zwischen Gott, Jesus und dem Heiligen Geist. Zwei haben Pause, während einer über die Welt wacht? Oder hat von den Dreien jeder sein eigenes Ressort und die machen einfach durch? Vielleicht eine wöchentliche Dienstbesprechung, aber den Rest der Woche dreieinige Einzelkämpfer?
Ja und erst die Engel? Wie sieht es denn bei denen aus? Gerade mein Schutzengel zum Beispiel ist wirklich ‘ne arme Socke, wenn er den Job 24/7 erledigen muss. Ich mag mir gar nicht vorstellen, was möglicherweise passiert, wenn der einfach mal aufgrund von Dauerstress und Überlastung einpennt, fünfe gerade sein lässt oder für bessere Arbeitsbedingungen streikt! Da können schon mal Zweifel aufkommen, ob der liebe Gott seinen Laden eigentlich so richtig im Griff hat.
Aber, während ich die letzten Kerzen aus der Verpackung nehme, siegt doch mein Vertrauen in die göttliche Weisheit und Kompetenz. Die werden “da oben“ schon wissen, was sie tun. Hoffentlich!