Februar 2026
Mit dem Wind ...
… … und dem Schicksal gehadert. Seit Wochen Glätte, Eis und Schnee, dazu noch der ein oder andere Winterinfekt und genau einmal auf dem Rad gesessen. Kein Wunder, dass ich mich seit Tagen in einer richtigen Miesepeterstimmung befinde.
Die Tatsache, dass unser beliebter und unglaublich aktiver Pfarrvikar Maciej Domanski St. Otto zum Ende des Monats verlässt, um eine große Pfarrei in seiner polnischen Heimat zu übernehmen, eignet sich auch nicht gerade als Stimmungsaufheller. Und dann befindet sich noch unser Pfarrer im Ruhestand, Reinhold Janiszewski, der immer zuverlässig die Werktaggottesdienste feiert, auf dem Absprung ins Seniorenheim in Stralsund. Da kann man doch nur schlechte Laune bekommen! Ersatz für die beiden? Wovon träumen Sie denn?
Ich weiß ja, dass wir hier im Haus St. Otto in den vergangenen Jahren mit Priestern vor Ort gut versorgt waren. Nur an den Sonntagen durften wir die merkwürdige Share-a-Priest-Situation, die in den neu entstandenen Großpfarreien gängige Praxis ist, erleben. Als Gottesdienstbesucher weiß man da nie, wer am Sonntag die Messe hält. Meist trifft der Zelebrant erst kurz vor knapp ein und ist Minuten, nachdem der letzte Ton des Schlusslieds verklungen ist, schon wieder auf dem Weg zum nächsten Einsatzort. Entsprechend lautet ein oft gehörter Satz unseres Propstes, wenn er mit wehenden Rockschößen durch die Tür der Sakristei enteilt: „Ich bin hier nur der Pfarrer!“
Vielleicht liegt es daran, dass ich gestern meinen Rollentrainer aufgebaut habe, um wenigstens zu Hause den ein oder anderen Kilometer auf dem Rad zurückzulegen. Zumindest ist mir plötzlich eine – wie ich finde – unschlagbare Idee zur Behebung des immer dramatischeren Priestermangels in Deutschland gekommen: Ich gründe in St. Otto die erste Zeitarbeitsagentur für Priester!
Wie das funktionieren soll? Ganz einfach: In Polen, Afrika und Asien gibt es, im Gegensatz zu Deutschland, noch jede Menge katholische Geistliche. Sogar junge! Die würden – also zumindest einige – bei entsprechender Entlohnung sicher gern als Arbeitsmigranten bei uns aushelfen. Wohnen könnten die Leihpriester als Priester-WG in unserer Pfarreiwohnung. Eigene Küche und Gemeinschaftsraum inklusive. Kicker, Tischtennisplatten, Strand vor der Tür und Glasfaseranschluss im Haus – auch für Unterhaltung in der Freizeit ist gesorgt.
Ja, und ich vermiete die Jungs dann für Eucharistiefeiern und zum Spenden der Sakramente anlassbezogen an unser Erzbistum: Heilige Messe 500 €, Taufe 250 €, Trauung 1000 € usw. Den Erlös teilen wir, und allen ist geholfen.
Sie meinen, die Sprachbarriere würde ein Hindernis darstellen? Da muss ich entschieden widersprechen. Zum einen kann die Predigt von einem ausgebildeten Laien, Pastoral- oder Gemeindereferenten übernommen werden. Zum anderen gibt es ja auch noch die ein oder andere gut entwickelte Übersetzungssoftware. Da geht einiges. KI sei Dank. Glauben Sie mir! Und schließlich ist die Liturgie der Katholischen Kirche international relativ einheitlich. Zumindest, was die wesentlichen Bestandteile betrifft. Die kleinen nationalen Besonderheiten werden den Leihpriestern in einem Crashkurs vermittelt. Und wer weiß: Vielleicht lässt sich das System ja ausbauen. So ein Miet-Monsignore oder Bischof wäre aber natürlich kostspieliger fürs Bistum …
Während das System an meinem Rollentrainer die Cooldown-Phase einleitet, kühlt sich auch mein heißgelaufenes Gedankenkarussell merklich ab. Vielleicht doch keine so gute Idee, mein systemischer Ansatz mit den Mietpriestern? Zumindest, wenn man sich die Aufgaben des Priesters ansieht, die man direkt oder indirekt aus der Bibel herauslesen kann.
Mir fällt da zum Beispiel sofort der gute Hirte ein, der als Synonym für Gott, aber auch für seine Stellvertreter auf Erden steht. Dieser Hirte kommt nicht nur bei seiner Herde vorbeigeschneit, um frisches Futter in die Krippe zu werfen. Im Gegenteil: Er kennt seine Schafe. Jedes einzelne. Er merkt, wenn es einem der Tiere schlechtgeht, und er sucht nach jedem Schaf, das sich verläuft. Der Hirte lebt bei und mit seinen Schafen. Er sorgt für seine kleine Gemeinschaft, ist für sie da und übernimmt Verantwortung.
Besser als Jesus mit seinen Gleichnissen – die Hirtensymbolik kommt übrigens auch schon im Alten Testament vor – könnte ich eine priesterliche Stellenbeschreibung gar nicht formulieren. Die katholische Kirche in Deutschland – und nicht nur die – geht da seit Jahren einen ganz anderen Weg. Sie muss sich allerdings fragen lassen, ob ihre Antworten auf den fortschreitenden Priestermangel die richtigen sind. Denkt man den aktuell praktizierten Ansatz nämlich konsequent weiter, dann stehen in unseren Kirchen in naher Zukunft vielleicht Hostienspender, die nach Eingabe und Überprüfung der persönlichen Daten eine geweihte Hostie auswerfen. Communio? Ein Hirt und eine Herde? Das war dann gestern. Ein gruseliger, geradezu apokalyptischer Gedanke.
Aber vielleicht gibt es gerade in der anstehenden Fastenzeit den ein oder anderen kontemplativen Moment, in dem genau Sie eine Erleuchtung haben, eine geniale Idee, wie wir das ganze Schlamassel in den Griff bekommen. Dann her damit! Ich für meinen Teil werde den Ansatz mit der Leihpriester-WG noch einmal gründlich überdenken. Vielleicht lässt sich da ja doch etwas optimieren.